Die Kleinreuther Kärwa – von damals bis heute

Eine Sonne in Kleinreuth bei Schweinau geht auf. Und das schon viele Jahre vor dem 2. Weltkrieg. Die Kärwa in Kleinreuth war damals eines der beliebtesten und schönsten Feste im Jahr nach Weihnachten, Ostern und Pfingsten.

 

Kleinreuth war zu der damaligen Zeit zwar ein sehr kleines Dorf, aber ihre Kärwa wussten sie würdig zu begehen. Die Bauern feierten ausgiebig „ihre“ Kärwa im Gasthaus „Zum weissen Ross“ (heute Gasthaus „Weinländer“), die Knechte und Mägde ließen es sich aber auch nicht nehmen und feierten zur gleichen Zeit „ihre“ Kärwa in der „Wirtschaft zum Pulvermagazin“ (heute Restaurant „Plaka“). Dass bei diesen beiden Feiern zwei Kärwabäume aufgestellt wurden, war natürlich Ehrensache!

 

Dann kam der 2. Weltkrieg. In dieser Zeit Kirchweih zu feiern war natürlich undenkbar. Kleinreuth wurde während des Krieges schwer getroffen, viele Häuser und Höfe wurden beschädigt, aber die Kleinreuther hielten zusammen, an aufgeben dachten sie nie.

 

Und genau aus diesem Grund fand 1947 nach dem Krieg endlich wieder die „erste“ Kärwa in Kleinreuth bei Schweinau statt. Von da an wurde die Kärwa „gemeinsam“ ausgelassen im Gasthaus „Zum weissen Ross“ gefeiert. Dieses verlängerte Wochenende waren für die meisten Menschen im Dorf die lustigsten und schönsten Tage im Jahr, denn sie waren glücklich, von nun an wieder feiern zu dürfen. Die Kärwatradition ging also so weiter, auch die Kärwabräuche wurden wie vor dem Krieg übernommen. „Schwarze Stiefel, weiße Scherzer und a schneidigs Häitla auf, so sins Klareither Kärwaberschla, immer lustig und wohlauf.“ Genau nach diesem Motto und in dieser Tracht sollte die Kleinreuther Kärwatradition fortgeführt werden. Auch die Kärwamadla waren natürlich vom allerfeinsten herausgeputzt. Welche Begeisterung und Fröhlichkeit sich an diesen Tagen im Dorf ereignet hat, kann man nur erahnen, wenn man die Menschenmassen auf den Fotos von damals sieht.

 

1947 war das heißeste Jahr im ganzen Jahrhundert. Die Bierration war begrenzt und die Menschen mussten mit Dünnbier über die Runden kommen. Trotzdem ließen es sich die Kärwaboum nicht nehmen, am Kärwasamstag einen großen Baum aufzustellen. Am Sonntag fand ein Kärwaumzug mit gestriegelten Pferden und wunderschönen, mit Birken und bunten Bändern geschmückten Kärwawägen statt. Der Weg führte über Höfen, den Zuckermandelweg, nach Großreuth und wieder zurück nach Kleinreuth. Angemerkt sei noch, dass Großreuth zu der damaligen Zeit noch keine Kärwa hatte. Am Montag fand der Betzentanz vor tausenden von Leuten um den Kärwabaum statt. Am Dienstag war „kärwafrei“, die Kärwa fand erst am Mittwoch im Saal vom „weissen Ross“ mit einem Tanzabend seinen Ausklang.

 

Natürlich wurde die Kärwatradition auch 1948 weitergeführt. Den Kärwabaum, der an die 20 Meter groß war, holte man damals mit Pferden und Eisenwagen aus dem Wald in Altenfurth. Die Musik wartete schon bei der Gaststätte „Von-der-Tann“, wo es in diesem Jahr endlich wieder „gutes“ Vollbier gab. So zog man dann gemeinsam nach Kleinreuth „Zum weissen Ross“, wo auch dieses Jahr wieder tausende von Menschen auf die Kärwaboum warteten, die den Baum neben dem Kettenkarussell und den vielen Buden aufstellten.

 

Von 1948 bis 1957 gab es keine großen Veränderungen der Kleinreuther Kärwa, zwar kamen viele neue Kärwaboum und –madla dazu, dafür mussten aber auch einige wegen ihrer Hochzeit frühzeitig wieder aufhören. Anzumerken wäre noch, dass der Umzug Sonntags immer mit Musik nach Großreuth zum „Assl“ (heute Gasthaus „Pfannenstiehl“) zog, wo für jeden Kärwaboum mindestens drei Maß Bier kalt standen!

 

Ab 1958 hörten die meisten Kärwaboum und –madla auf, sodass der Wirt Fritz Weinländer fast alleine die Kärwa im Dorf ausrichtete. Das Fest fand in dieser Zeit auf den Bänken vor und im Saal des Gasthauses statt.

 

Zwischen 1960 und 1974 wurde in Kleinreuth die Kärwa ohne Kärwaboum und –madla gefeiert, jetzt jedoch im Zelt auf dem Parkplatz vor dem Gasthof „Weinländer“. Die Kärwabuden waren zum Teil auf die Höfe im Dorf verteilt.

 

Zwischen 1975 und 1978 war dann plötzlich Kärwapause! Warum das damals so war, weiß heute leider niemand mehr so recht.

 

Dann kam das Jahr 1979. Eine neue Generation wuchs in Kleinreuth heran und mit ihr auch eine „neue Kärwa“. Ab jetzt sollte endlich wieder ein Fest in Kleinreuth bei Schweinau stattfinden, nicht aber wie früher im Gasthaus „Weinländer“, sondern im Gasthaus „Lindenhof“. Der Platz unter dem großen schattenspendenden Lindenbäumen war wie geschaffen für so ein Ereigniss, auch die Fahrgschäffte und die Buden passten gut in den Biergarten. Die Wirtsleute waren damals die Familie Michl. Sie hatten großen Anteil daran, dass es wieder eine Kirchweih in diesem Stadtteil gab.

 

Was wäre aber eine richtig gute Kärwa ohne Kärwaboum und –madla? Ja genau, die gab es ab jetzt auch wieder; es konnte also nur aufwärts gehen. Zwar hatte es die neue Generation nicht leicht, aber mit großer Unterstützung der Landwirte sollte alles gelingen. 1979 improvisierte man zwar noch sehr viel, aber mit den Jahren wurde alles immer professioneller. Die Kärwatradition wurde also auch damals von den insgesamt 20 Jungs und Mädels weitergeführt. Am Samstag Kärwaumzug durch Kleinreuth und das Aufstellen des Kärwabaums; am Montag Betzentanz. Die Kärwa dauerte von Freitag bis Montag, getreu dem Motto: „Wos wär denn des Nämberch, wos wär denn des Färth, wos wär denn des Deitschland, wenns Klareith net hät!“

 

Die Jahre vergingen und die Kirchweih in Kleinreuth wurde immer beliebter und bekannter. Woran das lag? Vielleicht an den schönen und perfekt vorgetragenen Volkstänzen; oder man wollte damals nur schöne und gemütliche Stunden auf der Kärwa verbringen. Jedenfalls trafen sich tausende von Menschen im Biergarten oder im Bierzelt des Lindenhofes.

 

Ab 1987 war dann wieder einmal ein Generationenwechsel der Kärwaboum und –madla, die Alten hörten auf, die jungen Boum und Madla sollten es richten. Auch zu dieser Zeit war man mit sehr viel Engagement bei der Sache, sodass die Kärwa in den nächsten Jahren ohne Probleme weitergeführt wurde.

 

Das Jahr 1992 sollte wieder einmal einen Einschnitt in der Geschichte der Kärwa darstellen. Die Kärwaboum und –madla hatten sich mit dem damaligen österreichischen Wirt verstritten; deshalb fand in diesem Jahr kein Fest statt. 1993 war es aber dann gleich wieder so weit, denn ein neuer griechischer Wirt übernahm das Lokal und die Erfolgsgeschichte der Kleinreuther Kirchweih konnte fortgesetzt werden. Die Kärwa war bis dahin ein ausgelassenes Fest im Stadtteil, aber sie sollte noch bekannter und attraktiver werden. Neue Ideen wurden sich ausgedacht und verwirklicht: Eine Sonntag-Abend-Show sollte noch mehr Leute auf die Kärwa locken und genau dieses Ereignis wurde in den folgenden Jahren zu einem „Straßenfeger“ in ganz Kleinreuth und Umgebung. Auch eine Kärwabeerdigung wurde am letzten Tag des Festes ein- bzw. aufgeführt, die bis heute zu den besten in ganz Franken zählt! Viel Neues kam also hinzu, die Kärwatradition aber blieb.

 

Ab 1995 wurde beschlossen, dass die Kleinreuther Kärwa ab jetzt fünf Tage dauern soll und zwar von Freitag bis Mittwoch. Am Dienstag war „kärwafrei“ und es wurden Wettkämpfe zwischen den kleinreuther und großreuther Kärwaboum ausgetragen, die die Kleinreuther meist zu ihren Gunsten entscheiden konnten. Im Jahr 2000 gab es dann wieder einmal einen Generationenwechsel der Kärwaboum und –madla. Die Alten gingen, die Jungen kamen und übernahmen die Kärwa. Auch sie schafften es, das schönste Fest in Kleinreuth weiter würdig fortzusetzen und zu feiern.

 

Im Jubiläumsjahr 2003 wurde das 700-jährige Bestehen Kleinreuths ausgiebig gefeiert, eine Kärwa fand allerdings nicht statt. Die Kärwaboum und –madla hatten sich mit dem griechischen Wirt vom Lindenhof verworfen. Man wusste nicht, ob und wie es mit der Kärwa weitergehen sollte, bis die Wirtsfamilie Merz, die den Gasthof Weinländer betrieb, den Kärwaboum und –madla zur Seite sprang. Ab 2004 fand die Kärwa auf dem Parkplatz vor dem Gasthof statt und dauerte wieder vier Tage. Die Kärwaboum und –madla waren auch weiterhin kreativ und variierten ihr Programm, um den Besuchern eine abwechslungsreiche Kärwa zu bieten: Es fanden allerhand Versteigerungen und Verlosungen im Bierzelt statt und die Sonntag-Abend-Show wich ab 2012 Wettkampfspielen, in denen die Kleinreuther Kärwaboum mit vielen anderen Teams aus Kleinreuth, den Nachbargemeinden und ganz Nürnberg ihre Kräfte messen konnten. Die Wettkampfspiele fanden genauso wie das Aufstellen des Kärwabaumes auf der „Festwiese“ statt, einem ehemaligen Acker, den die Familie Leitzmann schon für die 700-Jahr-Feier zur Verfügung gestellt hatte. Diese Erweiterung der Kärwa „ins Grüne“ ist ein Schmankerl, das die Kleinreuther Kärwa noch beliebter machte.

 

Ab dem Jahr 2013 konnte und wollte der Wirt die Kärwa nicht länger ausrichten, und auch der neue griechische Wirt vom Gasthof Plaka (ehemals Lindenhof) wollte die Kärwa zwar unterstützen, sie aber nicht ausrichten. Da standen sie also, die Kärwaboum und –madla und wussten nicht wohin mit sich: Sie hatten keine Wirtschaft, in der die Kärwa stattfinden konnte und es gab auch keine geeigneten öffentlichen Flächen in Kleinreuth, auf denen eine Kärwa ausgerichtet werden konnte. Sollte das das Aus für die Kärwa in Kleinreuth sein? Mitnichten! Kurzentschlossen nahmen die Kleinreuther die Sache selbst in die Hand: Familie Lorenz bot an, ihren Hof für die Kärwa zur Verfügung zu stellen und die Kleinreuther gründeten am 24.04.2013 den „Kärwaverein Kleinreuth bei Schweinau e.V.“.

 

Unterstützung beim Ausrichten einer zunächst dreitägigen Kärwa bekamen die Kärwaboum und –madla u.A. von den „Förderfreunden 700 Jahre Kleinreuth“ und vielen ansässigen Firmen.

 

Die erste Kärwa kam und schlug ein wie eine Bombe: Bei herrlichem Wetter übernahm der Zeltverleih Friedlsperger die Versorgung der Kärwagäste mit warmen Speisen und stellte ein Zelt zur Verfügung. Den Durst können die Gäste mit Getränken der Nürnberger Brauerei Schanzenbräu stillen, die schon lange enge Kontakte nach Kleinreuth pflegt. Die Mitglieder des Kärwavereins steckten jede Menge Herzblut in „ihre“ Kärwa, übernahmen den Bier- und Barausschank und boten am Weinstand neben Wein auch allerlei Schmankerl an. Der Hof wurde fürstlich herausgeputzt und sogar auf jeden Biertisch kam ein Strauß Feldblumen.

 

Seit dem zweiten Jahr im Lorenzhof dauert die Kärwa wieder vier Tage. Das Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer ist weiterhin ungebrochen und so wird hoffentlich noch viele weitere Jahre in Kleinreuth bei Schweinau die wohl schönste und gemütlichste Kirchweih in Nürnberg und Umgebung stattfinden, getreu dem Motto: „In Klareith boumt das Leben, in Klareith sin mer super drauf, mir bring’n die Welt zum Beben in Klareith bei Schweinau.“